Chen Yus Gongfu Jia

Chen Yu bezeichnet das von ihm unterrichtete Taijiquan als gongfujia, auf Deutsch "Gongfu-Rahmen". Der Begriff kann erstmal zu Verwirrung führen. Zu allererst müssen wir klarstellen, dass es hier um die ursprüngliche Bedeutung des Worts gongfu geht. Es geht also um Fertigkeiten, die sich jemand über längere Zeit hinweg angeeignet hat, und nicht um einen Sammelbegriff für chinesische Kampfkunst-Stile. Um zu verstehen, was sich hinter der Idee eines Gongfu-Rahmens verbirgt, müssen wir aber etwas weiter ausholen. Denn mit dem Begriff Rahmen (jia 架) bezeichnet man in der Welt der chinesischen Kampfkunst hauptsächlich die Art, wie eine bestimmte Kampfkunst ausgeübt wird. Das kann auf bestimmte Charakteristika hindeuten, oder aber einen bestimmten Übungsfokus deutlich machen. Um das besser zu verstehen, schauen wir uns mal die verschiedenen Rahmen des Taijiquan an.


Die Rahmen der Chen-Familie

Spätestens in den ersten Jahrzehnten des 20., vielleicht auch schon während es 19. Jahrhunderts, begann man in Chenjiagou zwei verschiedene Überlieferungen zu unterscheiden. Heutzutage werden sie als kleiner Rahmen (xiaojia 小架) und großer Rahmen (dajia 大架) bezeichnet, wobei es auch Theorien gibt, nach denen sie vorher in neuer Rahmen (xinjia 新架) und alter Rahmen (laojia 老架) aufgeteilt waren. Die beiden Übertragungslinien sind relativ gut belegbar und auch heute noch klar in ihrer Übungsform erkennbar. Oft werden sie auf den Aspekt großer oder kleiner Bewegungen reduziert - angelehnt an die entsprechende Bezeichnung als großer oder kleiner Rahmen. In der Realität geht es aber mehr um feine, aber doch auch deutliche Unterschiede in der Art, wie die grundlegende Körpermechanik ausgeprägt wird.

 

Noch komplizierter wurde es durch eine Entwicklung in den 80er und 90er Jahren. Während der Republikzeit hatten diverse namhafte Lehrer das Dorf Chenjiagou während der Republikzeit verlassen - viele gingen nach Beijing, Shanghai oder Xi'an. Die Tradition im Dorf selbst war fast zum Erliegen gekommen und wurde in den 60er und 70er Jahren wieder durch Chen Zhaopi etabliert. Die von ihm unterrichtete Form wird dem großen Rahmen zugeordnet. Nach seinem Tod wurde Chen Zhaokui eingeladen, um im Dorf zu unterrichten. Auch er gilt, genau wie sein Vater Chen Fake, als Vertreter des großen Rahmens. Chen Zhaokui brachte allerdings eine Übungsform mit, die sowohl in der Choreographie als auch in der konkreten Übungspraxis von der Chen Zhaopis abwich. Die Übenden im Dorf wollten beide Formen erhalten und trainierten sie parallel. Als sie dann immer öfter zu Veranstaltungen und Wettkämpfen eingeladen wurden, um Formen zu demonstrieren, mussten sie irgendwie erklären, warum sie welche Form übten. Langsam aber sicher setzte sich für Chen Zhaopis Form die Bezeichnung alter Rahmen durch, für Chen Zhaokuis Form die Bezeichnung neuer Rahmen.

 

Neben den Rahmen innerhalb der Chen-Familie gibt es auch noch andere Übungsformen, die ebenfalls als Rahmen bezeichnet werden. So sind in benachbarten Dörfern die Varianten Hulei Jia (忽雷架; wörtlich "Blitz- und Donner-Rahmen") und Zhaobao Jia (赵保架; Zhaobao-Rahmen, benannt nach dem gleichnamigen Dorf) verbreitet, wobei man bei letzterem auch oft einfach Zhaobao Taijiquan sagt. Auch in den Familienstilen des Yang und Wu Taijiquan gibt es verschiedene Rahmen, die oft auf die Übungstraditionen unterschiedlicher Generationen und Familienmitglieder zurückgehen.

 

Kampfkunst in Stufen

Wir üben also eine Form des großen Rahmens. Aber woher kommt der Begriff Gongfu-Rahmen? Ein Hinweis kommt von Zhang Maozhen, seines Zeichens tudi von Chen Zhaokui. Er berichtet, dass Chen Fake ursprünglich seine Kampfkunst in drei Stufen aufgeteilt unterrichtete: jichu jia (基础架; grundlegender Rahmen), tigao jia (提高架; verbesserter oder fortgeschrittener Rahmen), und gongfu jia (功夫架; Gongfu-Rahmen). Es ist leider nicht ganz klar, ob er damit nur unterschiedliche Übungsschwerpunkte und -inhalte bezeichnet hat, oder nicht sogar unterschiedliche Formen. Vermutlich ging es aber um dieselben Übungsformen, die nur anders trainiert und ausgeführt wurden. Das legt auch ein Blick in Traditionen des kleinen Rahmens nahe. Dort wird auch oft mit expliziten Stufen des Trainings gearbeitet, durch die sich die Ausübung der Form teilweise sehr drastisch ändert.

 

Chen Fake scheint die Unterscheidung in Stufen irgendwann aufgegeben oder zumindest nicht mehr so sehr betont zu haben. Laut Zhang Maozhen hörte er auf, jichu jia zu unterrichten, nachdem sein Sohn Chen Zhaokui mehr oder weniger direkt mit der Praxis von tigao jia eingestiegen war. Damit ist gongfu jia weniger die Bezeichnung einer einzelnen, speziellen Methode - den Begriff gibt es durchaus auch im kleinen Rahmen - sondern eher ein Anspruch an Training und Unterricht in Bezug auf Hingabe und Ernsthaftigkeit. Es bezeichnet einerseits ein gewisses Niveau der Praxis, andererseits auch eine bestimmte Form und Herangehensweise des Trainings selbst.


Körperarbeit im Mittelpunkt

Im Zentrum von Chen Yus Kampfkunst steht der Begriff shenfa (身法), den man als Körpermechanik oder, etwas näher am Chinesischen, als Körpermethode übersetzen kann. Während Körpermechanik in der deutschen Sprache geläufiger klingt, beschreibt der Begriff Methode vielleicht etwas besser, was gemeint ist: Eine sehr spezifische, anspruchsvolle Art und Weise, wie ich mich in und mit meinem Körper bewege, wie ich Kraft erzeuge und nach außen abgebe, und wie ich Kraft von außen aufnehme und manipuliere.

 

Diese Mechanik oder Methode ist durchaus anspruchsvoll. Bei shenfa geht es nicht um das Erlernen von Kampftechniken oder taktischen Manövern. Ziel des Trainings ist eine körperliche Transformation, die auf eine Neuausrichtung und Neu-Eichung des eigenen Bewegungsapparats abzielt. Transformation soll dabei nicht hochtrabend klingen oder gar Esoterik ins Spiel bringen. Es soll lediglich einen längeren Veränderungsprozess beschreiben, der mit kontinuierlichem Aufwand vorangetrieben und immer wieder nachjustiert werden muss. Der Begriff Gongfu-Rahmen zeigt dabei den Anspruch an die Qualität des eigenen Trainings. Eine vereinfachte Herangehensweise erleichtert sicherlich den Einstieg in die Übungspraxis. Wenn aber körperliche Transformation mein Ziel ist, muss ich eher früher als später den notwendigen Aufwand betreiben, um Fortschritte zu machen.

 

Es geht hier um einen zentralen Aspekt, der in der chinesischen Idee von gongfu angelegt ist: Fertigkeiten, die man in den chinesischen Kampfkünsten als gongfu bezeichnen würde, entstehen nicht über Nacht und nicht ohne Mühen - auf körperlicher wie auch auf mental-intellektueller Ebene. Schnelle Erfolge und kurzfristige Verbesserung sind wünschenswert, bleiben aber oft nicht lange erhalten. Das deckt sich interessanter Weise auch mit moderner medizinischer Forschung: Krafttraining beispielsweise kann, wenn es intelligent und effizient durchgeführt wird, sehr schnell zu deutlichem Muskelwachstum und Kraftzuwachs führen. Breche ich es aber nach kurzer Zeit ab, sind die Fortschritte ebenso schnell wieder weg, wie sie gekommen sind. Habe ich aber über Jahre hinweg kontinuierlich trainiert, bleibt die gewonnene Stärke auf sehr, sehr lange Zeit erhalten, auch wenn ich das Training beende.


 

Insofern kann man sagen: Wir üben Gongfu-Rahmen mit dem Ziel, Körper und Geist grundlegend zu transformieren. Und investieren dazu, langfristig und nachhaltig, Zeit, Energie und Mühe.