Ein historischer Überblick

Hinter dem Taijiquan finden wir eine lange Geschichte, die eng mit der Entwicklung der Kampfkunsttraditionen in China verknüpft ist. Gleichzeitig gibt es nur wenige schriftliche Aufzeichnung und sehr viele mündliche Überlieferungen. Daraus resultieren die vielen unterschiedlichen Interpretationen dessen, was Taijiquan historisch war und heute ist oder sein kann. Dieser Prozess der Interpreation begann allerdings schon in China, im 19. und 20. Jahrhundert, durch chinesische Gelehrte. Schon damals avancierte Taijiquan zu einer Art "nationalen Kulturgut", und damit auch zu einem politischen Streitpunkt während der Republikzeit (1911-1945).

Auf dieser Seite präsentiere ich lediglich eine Übersicht. Wer mehr erfahren möchte, der sei auf Nabils Buch "Die Wiege des Taijiquan" verwiesen, erhältlich unter anderem über den Shop des CTND.


Die Ursprünge

Fast alle chinesischen Kampfkunsttraditionen verweisen auf eine sehr lange, zumeist mystisch angehauchte Geschichte, die sich aber in keinem der Fälle historisch nachweisen lässt. Tatsächlich fußen sie alle auf derselben Entwicklung von Kriegs- und Kampfkunst, die in China schon in antiker Zeit begonnen hat. Sichtbar wurde diese Entwicklung allerdings erst relativ spät, nämlich zur Zeit der Ming-Dynastie (1368 bis 1644 n.Chr.).

Während dieser Epoche fingen einige Generäle an, die damaligen Methoden der Kriegs- und Kampfkunst aufzuzeichnen. Besonderer Verdienst kommt hier Qi Jiguang (1528 bis 1588 n.Chr.; siehe Foto links) zu, der auf militärischem Gebiet vor allem durch seine Siege gegenüber Piraten an der chinesischen Ostküste berühmt wurde.

Da das Schlachtfeld zur damaligen Zeit noch mehr von kalten Waffen dominiert wurde (auch wenn Feuerwaffen durchaus schon in Gebrauch waren), lag der Fokus seines Interesses auf der Ausbildung im bewaffneten Kampf. Trotzdem beinhalteten seine Aufzeichnungen auch den waffenlosen Kampf, den er als grundlegendes Werkzeug des militärischen Trainings sah. Seine detaillierten Schriften sind das erste Zeugnis chinesischer Kampfkunst und eine der Quellen des Taijiquan

 


Das Bild zeigt General Qi Jiquang (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Qi_Jiquan.jpg#/media/File:Qi_Jiquan.jpg)

Der Ursprungsort des Taijiquan war ein Bauerndorf in der Provinz Henan namens Chenjiagou, das im 14. Jahrhundert von einem gewissen Chen Bu gegründet wurde und auch heute noch existert. Die Figur, die als Bindeglied zwischen Qi Jiguang und der späteren Entwicklung dient, ist Chen Wangting. Er war Teil der Chen-Familie, lebte von 1597 bis 1664 und wird von den meisten Traditionen als Gründer des Taijiquan betrachtet. Chen Wangting zog sich anscheinend nach einer respektierlichen militärischen Karriere wieder in das Dorf zurück, wo er Schriften studierte und der Jugend den Faustkampf beibrachte. Eine der Schriften, die er hierbei heranzog, war die von Qi Jiguang, der nur wenige Jahre vor Chens Geburt verstorben war. Bei der Entwicklung seiner eigenen Kampfkunstmethode stützte er sich also auf die Theorien von General Qi, wie er sie schriftlich festgehalten hatte.

Gleichzeitig bezog Chen Wangting (und ebenso nachfolgende Generation) noch weitere Übungstraditionen mit ein, die in China schon länger etabliert waren. Schon seit grauer Vorzeit gab es Traditionen der Gymnastik, Meditation und Atemführung, die eng mit der medizinischen Theorie verknüpft waren und heute als Vorläufer des modernen Qigong gelten. Auch hier begann während der Ming-Dynastie eine Art Verschmelzungsprozess zwischen den militärisch-kämpferischen und den gesundheitsorientierten Übungstraditionen. Wie sich auch an späteren Texten erkennen lässt, lag der Fokus aber immer noch auf der Kampfanwendung - die gymnastischen Übungen wurden in das Kampftraining integriert. 

Wie auch immer Chen Wangtings Kampfkunst genau aussah, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Nach ihm kamen diverse Generationen, die alle das Trainingssystem durchlaufen und es sich zueigen gemacht haben. Die Überlieferung innerhalb von Chenjiagou lief größtenteils ab, ohne dass die Außenwelt davon viel mitbekam. Das Taijiquan war damit nicht unbedingt einzigart: Viele der noch heute existierenden Kampfkunsttraditionen haben ihre Ursprünge in den ländlichen Regionen, wo sie entweder in Familiendörfern oder in Klöstern weitergegeben wurden.


Vom 19. ins 20. Jahrhundert

Die Veränderung kam im 19. Jahrhundert, als Chen Changxing einen Schüler von außen unterrichtete, der später berühmt werden sollte. Dieser Schüler hatte den Namen Yang Luchan. Biographisch ist so gut wie nichts über ihn bekannt, daher ist nicht klar, wie er genau nach Chenjiagou kam und dort lernen konnte. Er ging später aber nach Beijing, die damalige Hauptstadt, und gelangte zu großem Ruhm als "Yang, der Gegnerlose" (weil er anscheinend niemanden finden konnte, der auf seinem kämpferischen Niveau lag).

Yang und seine Söhne begründeten den Yang-Stil des Taijiquan. Diese Familientradition war die Basis für diverse andere Familienstile (deren Gründer meistens von den ersten Generationen der Yang-Familie lernten) sowie für die späteren vereinfachten Versionen des Taijiquan, die sich weltweit verbreiteten.

Das Chen-Stil Taijiquan hingegen blieb vorerst in Chenjiagou selbst verwurzelt. Erst nachdem die Yang-Familie ihre Methode in Beijing bekannt gemacht hatten, begonnen auch die ersten Vertreter der Chen-Familie, ihre Tradition selbst nach außen zu tragen.


Chen Fake und seine Überlieferung

Eine der zentralen Figuren des Chen-Stil Taijiquan im 20. Jahrhundert war Chen Fake (1887–1957, 17. Generation der Chen-Familie). Er war ein Großenkel von Chen Changxing und galt als herausragender Meister des Stils. Sein Neffe Chen Zhaopi hatte bereits angefangen, die Kampfkunst der Chen-Familie in Beijing zu unterrichten. Als er aus Beijing wegzog, bat er seinen Onkel darum, an seiner statt in der Hauptstadt Unterricht zu geben. Chen Fake zog daraufhin mit seiner Familie nach Beijing, wo er einige namhafte Schüler ausbildete, unter anderem den sehr bekannten Feng Zhiqiang.

Seine beiden Söhne Chen Zhaoxu und Chen Zhaokui wurden ebenfalls aufgrund ihres Könnens bekannt. Chen Zhaoxu starb allerdings schon zwei Jahre nach seinem Vater, während Chen Zhaokui in Beijing blieb und dort unterrichte. So wie schon sein Vater hatte er auch diverse bekannte Schüler. Außerdem unterwies er seinen Sohn Chen Yu im Taijiquan, der heute den Stil seines Vaters weitergibt.


Die heutigen Generationen

Chen Yu  wurde 1962 in Chenjiagou geboren, verbrachte aber den größten Teil seines Lebens in Beijing, wo er auch heute noch mit Frau und Kind lebt. Er begleitete seinen Vater auf dessen Reisen in andere Städte, unter anderem nach Shanghai, Zhengzhou und auch nach Chenjiagou. Da Chen Yu der einzige Sohn von Chen Zhaokui war, legte dieser großen Wert auf korrektes, gewissenhaftes Training. Die entsprechend schnellen Fortschritte führten auch dazu, dass er seinem Vater schon in jungen Jahren beim Unterrichten assistierte.

In chinesischen Kampfkunstkreisen ist Chen Yu hoch geschätzt für seine beeindruckenden Fähigkeiten und seine sehr spezielle Ausübung des Chen-Stil Taijiquan. Dabei blieb er international lange unbekannt, weil er kein Interesse daran hatte, große Mengen an Schülern zu unterrichten. Neben einer Vielzahl von Ehrenpositionen ist Chen Yu Präsident der Chen Zhaokui Taijiquan Gesellschaft.

 

Entsprechend der Familientradition tritt nun Chen Shiwu in die Fußstapfen seines Vaters und fängt an, das Taijiquan der Chen-Familie zu unterrichten.


Das CTND

2009 gründeten Nabil Ranné und Konstantin Berberich, beide Tudi (in die Kampfkunstchronik aufgenommene Schüler) von Chen Yu, das Chen-Stil Taijiquan Netzwerk Deutschlands. Sie hatten es sich zum Ziel gemacht, den Gongfujia, wie Chen Yu sein Taijiquan nennt, in Deutschland zu unterrichten und zu verbreiten. Zu diesem Zwecke geben sie regelmäßig in verschiedenen deutschen Städten Workshops, was zur Gründung diverser Übungsgruppen geführt hat, die sich der Praxis des Chen-Stil Taijiquan verschrieben haben.

Wer mehr über das umfassende Workshopprogramm erfahren möchte, kann sich auf der Webseite des CTND informieren.