Kampfkunst des Yin-Yang-Prinzips

Wenn wir uns die Geschichte des Taijiquan vor Augen führen, wird sofort klar, dass es als Kampfkunst entstanden ist. Tatsächlich gibt es diverse Parallelen zur Entstehung anderer Kampfkünste in China, zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten. Gleichzeitig wird Taijiquan oft als eine Form des Qigong gedeutet und vermarktet.

 

Das hat einerseits historische Gründe. Zum einen sind bereits sehr früh Elemente der Gymnastik, Gesundheitspflege und Meditation in das Taijiquan integriert worden. Das gilt aber auch für viele andere Kampfkunstformen in China, auch wenn der Bezug nicht immer so deutlich hervortritt. Zum anderen wurde Taijiquan im frühren 20. Jahrhundert sehr populär, als gerade die Idee der "Volksgesundheit" in China auf fruchtbaren Boden fiel. Die USA und die europäischen Nationen hatten bereits "ihre" Sportarten als Praktiken der nationalen Stärkung etabliert - in den USA vor allem Leichtathletik und Team- bzw. Ballsportarten, in Deutschland und Russland beispielsweise mehr Gymnastik und Krafttraining. Die Chinesen wollten dem nicht nachstehen, weshalb der Blick irgendwann auf die eigenen Traditionen von Bewegungs- und Körperkultur fiel. In diesem Kontext wurde Taijiquan von vielen Übenden umgedeutet und später als sehr gepflegte (und daher zivilisierte), bedachte Trainingsform für Körper und Geist unterrichtet und propagiert.

 

Die ursprünglicheren Formen des Taijiquan wurden parallel weiter gepflegt und unterrichtet, so wie viele andere Kampfkunsttraditionen auch. Beim Transfer in den westliche Länder wurde die Situation aber noch komplizierter, weil der kulturelle Kontext fehlt und viele Begriffe falsch oder gar nicht verstanden wurden.


Methoden des Faustkampfs

Bei der ersten Beschäftigung mit chinesischer Kampfkunst drängt sich vor allem ein Begriff auf: Kungfu. Hierzulande nehmen die meisten Menschen an, dass es sich dabei um eine Kampfkunst handelt - eben die eine Kampfkunst aus China. Die nächste Stufe der Erkenntnis ist es dann, dass der Begriff verschiedene Formen und Stile von Kampfkunst umfasst. Taijiquan wird dabei aber gerne ausgeklammert, weil die Idee von Kungfu, geprägt vor allem durch Filme aus Hongkong und teilweise aus den USA, nicht mit den Bildern von alten Chinesen im Park zusammenpasst.

 

Dass der Begriff Kungfu überhaupt als Sammlung für chinesische Kampfkunststile dient, ist eine relativ neue Erscheinung. Zu kaiserlichen Zeiten wurden völlig andere Begriffe für Kampfkunst verwendet. Je nach Zeit und Region waren andere Schriftzeichen in Verwendung.

 

Historisch relevant sind, für den waffenlosen Kampf, vor allem die Begriffe quanfa (拳法; wörtlich Faustkampf-Methode) und quanshu (拳术; wörtlich Faustkampf-Kunst). Die Bedeutung der beiden Begriffe lässt sich an einer Eigenheit der Namensgebung chinesischer Kampfkunst-Traditionen erkennen: Die Namen von so gut wie allen Traditionen enden auf quan (拳; Faust). So kennen wir beispielsweise Tongbeiquan (通背拳; Faustkampfmethode, die Kraft durch den Rücken leitet), Bajiquan (八极拳; Faustkampfmethode der Acht Extreme), Hongquan (红拳; Rote Faustkampfmethode), Xingyiquan (形意拳; Faustkampfmethode von Form und Geist) und unzählige andere in Nordchina. In Südchina sind es unter anderem Hongjiaquan (洪家拳; Faustkampfmethode der Hong-Familie; Hunggarkuen auf Kantonesisch), Baihequan (白鹤拳; Faustkampfmethode des Weißen Kranichs), Luohanquan (罗汉拳; Faustkampfmethode der Arhat), Yongchunquan (咏春拳; Faustkampfmethode des Singenden Frühlings; Wingchunkuen auf Kantonesisch). Es gibt ein paar Ausnahmen, wie beispielsweise Baguazhang (八卦掌; Faustkampfmethode der Acht Trigramme). Die Trainingsmethode bevorzugt die offene Hand, weshalb das Zeichen für quan gewöhnlich durch zhang (掌; offene Hand) ersetzt wird.

Der Begriff Taijiquan

Das Zeichen quan in den verschiedenen Bezeichnungen ist ein Hinweis darauf, dass es sich um eine Form von quanfa handelt - eben eine Faustkampfmethode. Daher auch meine - nicht unbedingt offiziellen - Übersetzungen der Stilnamen. Der Name Taijiquan reiht sich nahtlos in die Tradition chinesischer Kampfkünste ein. Er bezeichnet eine Faustkampfmethode, die sich am Prinzip von Yin und Yang orientiert. Das sogenannte taiji tu (太极图) ist eine Darstellung des Yin-Yang-Symbols, siehe hierzu das Bild links.

 

Der Verweis auf ein kosmologisches Prinzip wird gerne von Taiji-Übenden als besonders oder gar einzigartig in der chinesischen Kampfkunst-Tradition dargestellt. Dabei ist das gar nicht so selten. Unterschiedliche Traditionen haben sehr unterschiedliche Namen. Manche orientieren sich an Tieren, anderen an Familien- und Ortsnamen, wieder andere an abstrakten Konzepten. Manchmal haben die Namen stärkeren Bezug zu den Übungspraktiken, manchmal nicht.

 

 

Im Falle des Taijiquan gibt es einige Elemente im Trainingssystem, die tatsächlich einen recht klaren Bezug zum Prinzip von Yin und Yang zeigen. Gleichzeitig wird aber auch klar, dass es sich beim Taijiquan schlicht und einfach um eine von vielen, traditionellen Kampfkünsten aus China handelt.


Moderne Begriffe für chinesische Kampfkunst

Natürlich gibt es auch modernere Begriffe für chinesische Kampfkunst. Hier begegnet uns dann auch der Begriff Kungfu wieder.

 

In der Volksrepublik China werden Kampfkünste heutzutage mit dem Begriff wushu (武术; Kampfkunst) bezeichnet. Im außer-chinesischen Ausland hat der Begriff eine spezielle Deutung erfahren - er wird oft verwendet, um moderne, wettkampforientierte Kampfkunstformen zu bezeichnen. Diese werden auf Chinesisch als xiandai wushu (现代武术; moderne Kampfkunst) oder bisai wushu (比赛武术; Wettkampf-Kampfkunst) bezeichnet und haben sich in der Tat in vielen Fällen sehr weit von den traditionellen Formen wegentwickelt.

 

Die Bezeichnung Kungfu als Sammelbegriff für chinesische Kampfkunst kam über Umwege zustande. In offizieller Umschrift wird der Begriff gongfu geschrieben. Die Schriftzeichen dahinter (功夫) bedeuten eigentlich so viel wie "Fähigkeiten, die man sich über längere Zeit hart erarbeitet hat". Damit hat der Begriff nicht direkt mit Kampfkunst zu tun (beispielsweise kann auch ein Koch über solche Fähigkeiten und damit gongfu verfügen), wurde und wird aber häufig in diesem Kontext verwendet, um das Können von fortgeschrittenen Praktizierenden zu beschreiben. Dass der Begriff vor allem in den USA und später in Europa so populär wurde, liegt möglicherweise auch an einem Missverständnis. Wenn Beobachter von chinesischer Kampfkunstpraxis in westlichen Ländern danach gefragt haben, was die Übenden machen, hätte eine Antwort lauten können: "Sie üben ihr gongfu." Das wäre korrekt gewesen, aber auch missverständlich. Denn mit dem Begriff gongfu war ihre Fertigkeit gemeint, nicht die Kampfkunst an sich.

 

So oder so setzte sich der Begriff fest. Die irreführende Umschrift kam durch das Wade-Giles-System, nach dem die Schriftzeichen unintuitiv als k'ung-fu transkribiert wurden. Den westlichen Enthusiasten war oft nicht klar, was das bedeutet und wie man es ausspricht, also wurde es irgendwann zu Kungfu - auch wenn die Aussprache (sowohl in Mandarin als auch, interessanter Weise, auf Kantonesisch) näher an Gongfu ist.

 

Der Begriff ist mittlerweile auch in China als Umschreibung sämtlicher Kampfkünste gängig. Viele Chinesen jüngerer Generationen wissen gar nicht mehr um die ursprüngliche Bedeutung des Wortes, weil auch sie durch Film und Fernsehen (in dieser Hinsicht vor allem aus Hongkong) entsprechend geprägt sind. Für unsere Zwecke reicht es, am Ende festzuhalten: Taijiquan ist eine Form von Faustkampfmethode (quanfa); es ist eine Form von Kampfkunst (wushu); und es ist eine Form von Kungfu (gongfu).