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Taijiquan

Geschichte und Kultur

Ursprünge chinesischer Kampfkunst

Hinter dem Taijiquan finden wir eine interessante Geschichte, die eng mit der Entwicklung der Kampfkunst-Traditionen in China verknüpft ist. Leider gibt es nur wenige schriftliche Aufzeichnung und sehr viele mündliche Überlieferungen. Daraus resultieren viele unterschiedliche Interpretationen dessen, was Taijiquan historisch war und heute ist oder sein kann.

 

Dieser Prozess der Interpretation begann schon in China, im 19. und 20. Jahrhundert, durch chinesische Gelehrte. Schon damals avancierte Taijiquan zu einer Art "nationalen Kulturgut", und damit auch zu einem politischen Streitpunkt während der Republikzeit (1911-1949).

 

Wie bei fast allen chinesischen Kampfkünsten waren die meisten Personen, die als Übende und Lehrende involviert waren, eher niedrigen Bildungsstands. Entstehungsgeschichten wurden daher oft mündlich weitergegeben und waren stark mythisch angehaucht. Die wenigsten dieser Erzählungen lassen sich  historisch nachweisen, zumal sie oft erst lange nach der eigentlichen Entstehung der Kampfkunst entstanden. Im Falle des Taijiquan wurde Anfang des 20. Jahrhunderts die Figur des Zhang Sanfeng, eines daoistischen Unsterblichen,  über diverse Umwege in die Entstehungsgeschichte eingeflochten.

Eine historische Betrachtung des Taijiquan rückt es mehr in den Kontext anderer chinesischer Kampfkunst-Stile. Die heute existierenden Übungs-Methoden fußen alle auf derselben Entwicklung von Kriegs- und Kampfkunst, die in China schon in antiker Zeit begonnen hat. Sichtbar wurde diese Entwicklung allerdings erst relativ spät, nämlich zur Zeit der Ming-Dynastie (1368 bis 1644 n.Chr.).

Auch für das Taijiquan war die Zeit dieser Dynastie prägend. Der eigentliche Ursprungsort des Taijiquan selbst war ein Bauerndorf in der Provinz Henan namens Chenjiagou, das im 14. Jahrhundert von einem gewissen Chen Bu gegründet wurde und auch heute noch existert. Für die Entwicklung des späteren Taijiquan wird einer seiner Nachfahren verantwortlich gemacht: Chen Wangting.

 

Er war Teil der Chen-Familie, lebte von 1597 bis 1664, und durchlebte in jüngeren Jahren anscheinend eine militärische  Karriere. Als Teil seines Ruhestands kehrte er wieder in das Dorf seiner Geburt zurück, wo er Schriften studierte und der Jugend den Faustkampf beibrachte. Eine der Schriften, die er hierbei heranzog, war die des Generals Qi Jiguang, der nur wenige Jahre vor Chens Geburt verstorben war.

 
 

Tajiquan zur Zeit der Ming

Qi Jiguang verkörpterte eine epochale Entwicklung in der Kampfkunst-Geschichte Chinas. Gegen Ende der Ming-Dynastie fingen Vertreter des chinesischen Militärs an, die damaligen Methoden der Kriegs- und Kampfkunst aufzuzeichnen - fast erstmalig in der chinesischen Geschichte.

 

Qi Jiguang (1528 bis 1588 n.Chr.) hatte sich als militärischer Anführer vor allem durch seine Siege gegenüber Piraten an der chinesischen Ostküste einen Namen gemacht. Durch seinen persönlichen Ruhm wurde auch seinen Schriften entsprechend Aufmerksamkeit geschenkt.

 

Da das Schlachtfeld zur damaligen Zeit noch mehr von kalten Waffen dominiert wurde (auch wenn Feuerwaffen durchaus schon in Gebrauch waren), lag der Fokus seines Interesses auf der Ausbildung im bewaffneten Kampf. Trotzdem beinhalteten seine Aufzeichnungen auch den waffenlosen Kampf, den er als grundlegendes Werkzeug des militärischen Trainings sah. Seine detaillierten Schriften sind eines der ersten Zeugnisse chinesischer Kampfkunst. Und über Chen Wangting fanden seine Ideen auf Einzug in die Entwicklung des Taijiquan.

Natürlich bezog Chen Wangting noch weitere Übungstraditionen mit ein, die in China schon länger etabliert waren - das gilt auch für die nachfolgenden Generationen. Schon seit grauer Vorzeit gab es Traditionen der Gymnastik, Meditation und Atemführung, die eng mit der medizinischen Theorie verknüpft waren und heute als Vorläufer des modernen Qigong gelten. Auch hier begann während der Ming-Dynastie eine Art Verschmelzungsprozess zwischen den militärisch-kämpferischen und den gesundheitsorientierten Übungstraditionen. Wie sich auch an späteren Texten erkennen lässt, lag der Fokus aber immer noch auf der Kampfanwendung - die gymnastischen Übungen wurden in das Kampftraining integriert. 

Der Weg in die Moderne

Wie Chen Wangtings Kampfkunst genau aussah, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Die Generationen nach ihm durchliefen alle das Trainingssystem und machten es sich zueigen. Von der Überlieferung innerhalb von Chenjiagou bekam die Außenwelt wenig mit. Das Taijiquan war damit nicht einzigartig: Viele der noch heute existierenden Kampfkunsttraditionen haben ihre Ursprünge in den ländlichen Regionen, wo sie in Familiendörfern, ethnisch-religiösen Gruppen, oder manchmal auch in Klöstern weitergegeben wurden.

Eine große Veränderung kam im 19. Jahrhundert, als Chen Changxing einen Schüler von außen unterrichtete, der später berühmt werden sollte: Yang Luchan. Biographisch ist kaum etwas über ihn bekannt, auch nicht, wie er genau nach Chenjiagou kam und dort lernen konnte. Er ging später nach Beijing, damals auch die Hauptstadt Chinas, und gelangte zu großem Ruhm als "Yang, der Gegnerlose" (weil er anscheinend niemanden finden konnte, der sich kämpferischen mit ihm messen konnte).

Yang und seine Söhne begründeten den Yang-Stil des Taijiquan. Diese Familientradition war die Basis für diverse andere Familienstile (deren Gründer meistens von den ersten Generationen der Yang-Familie lernten) sowie für die späteren vereinfachten Versionen des Taijiquan, die sich weltweit verbreiteten.

Das Chen-Stil Taijiquan blieb in Chenjiagou selbst verwurzelt. Erst nachdem die Yang-Familie ihre Methode in Beijing bekannt gemacht hatten, begonnen auch die ersten Vertreter der Chen-Familie, ihre Tradition selbst nach außen zu tragen.

Eine der zentralen Figuren des Chen-Stil Taijiquan im 20. Jahrhundert war Chen Fake (1887–1957, 17. Generation der Chen-Familie, ganz links im Bild). Er war ein Großenkel von Chen Changxing und galt als herausragender Meister des Stils.

 

Sein Neffe Chen Zhaopi (1893–1972) hatte bereits angefangen, die Kampfkunst der Chen-Familie in Beijing zu unterrichten. Als er aus Beijing wegzog, bat er seinen Onkel darum, an seiner statt in der Hauptstadt Unterricht zu gehen. Chen Fake zog daraufhin mit seiner Familie nach Beijing, wo er einige namhafte Schüler ausbildete, unter anderem den sehr bekannten Feng Zhiqiang (1928–2012).

Seine beiden Söhne Chen Zhaoxu (1911–1960) und Chen Zhaokui (1928–1981, Bildmitte) wurden ebenfalls aufgrund ihres Könnens bekannt. Chen Zhaoxu starb allerdings nur wenige Jahre nach seinem Vater, während Chen Zhaokui größtenteils in Beijing blieb und dort unterrichte. Erst in den 1970er Jahren besuchte er das Dorf seiner Familie mehrere Male. Er hatte einige namhafte Schüler und unterwies seinen Sohn Chen Yu (rechts im Bild) im Taijiquan.

 

Die heutigen Vertreter

Chen Yu  wurde 1962 in Chenjiagou geboren, verbrachte aber den größten Teil seines Lebens in Beijing, wo er auch heute noch mit seiner Frau und seinem Sohn Chen Shiwu lebt. Entsprechend der Familientradition hat auch Chen Shiwu bereits angefangen, das Taijiquan der Chen-Familie zu unterrichten - und tritt somit in die Fußstapfen seines Vaters.

Chen Yu begleitete seinen Vater Chen Zhaokui auf dessen Reisen in andere Städte, unter anderem nach Shanghai, Zhengzhou und auch nach Chenjiagou. Da Chen Yu der einzige Sohn seines Vaters war, legte dieser großen Wert auf korrektes, gewissenhaftes Training. Die entsprechend schnellen Fortschritte führten auch dazu, dass er seinem Vater schon in jungen Jahren beim Unterrichten assistierte.

In chinesischen Kampfkunstkreisen ist Chen Yu hoch geschätzt für seine beeindruckenden Fähigkeiten und seine sehr spezielle Ausübung des Chen-Stil Taijiquan. Dabei blieb er international lange unbekannt, weil er kein Interesse daran hatte, große Mengen an Schülern zu unterrichten. Neben einer Vielzahl von Ehrenpositionen ist Chen Yu Präsident der Chen Zhaokui Taijiquan Gesellschaft.

2009 gründeten Nabil Ranné (links von Chen Yu) und Konstantin Berberich (rechts hinter Chen Yu) das Chen-Stil Taijiquan Netzwerk Deutschlands. Beide hatten es sich als Tudi (in die Kampfkunstchronik aufgenommene Schüler) von Chen Yu zum Ziel gemacht, Chen Yus Taijiquan, in Deutschland zu unterrichten. Zu diesem Zwecke geben sie regelmäßig in verschiedenen deutschen Städten Workshops. Wer mehr über das umfassende Workshopprogramm erfahren möchte, kann sich auf der Webseite des CTND informieren.

 
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