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Gongfu

Bedeutung und Hintergrund

Die Bedeutung von Gongfu

Nach alter Transkription Kungfu geschrieben, dient Gongfu als Sammelbegriff für chinesische Kampfkünste. Die Schriftzeichen haben dabei keinen direkten Bezug zur Kampfkunst.

         功夫

Eigentlich bezeichnen sie Fertigkeiten, die man sich über einen längeren Zeitraum erarbeitet (hat). Damit können auch Musiker oder Köche Gongfu haben.

 

Beim Training der Kampfkünste geht es nun primär darum, verlässliche Fertigkeiten zu entwicklen und aufzubauen. Deswegen spricht man in diesem Kontext sehr oft davon, dass Übende Gongfu haben oder nicht. So wird die Verbindung der Begriffe verständlich.

Neben Gongfu gibt es eine Reihe älterer und teils auch aktueller Begriffe für chinesische Kampfkünste. Zur Kaiserzeit gab es einige Bezeichnungen, die direkt den Verweis auf den waffenlosen Kampf beinhalteten: quanfa (拳法; wörtlich Faustkampf-Methode oder Box-Methode) und quanshu (拳术; wörtlich Faustkampf-Kunst).

Dass diese Begriffe heutzutage kaum noch üblich sind, liegt untere anderem an den Auswirkungen des Boxeraufstands. Die daran beteiligten Geheimgesellschaften bezeichneten sich auch als Yihequan (义和拳, Faustkämpfer der Gerechtigkeit und Harmonie).

Von den Ausländern abfällig als Boxer bezeichnet, hatten die Rebellen einen schlechten Ruf. Überwiegend waren es arme, ungebildete Bauern, deren Denken als abergläubisch und rückschrittlich gesehen wurde. So gerieten auch die alten Bezeichnungen für Kampfkunst in Verruf.

 

Während der Republikzeit (1911-1949) wurde der Begriff guoshu (国术, nationale Kunst) verwendet. Hier ging es auch darum, den Gedanken eines Nationalsports in China zu verankern.

In der Volksrepublik China werden Kampfkünste heutzutage mit dem Begriff wushu (武术; Kampfkunst) bezeichnet. Außerhalb Chinas wird dieser Begriff oft verwendet, um moderne, wettkampforientierte Kampfkunstformen zu bezeichnen. Diese werden auf Chinesisch als xiandai wushu (现代武术; moderne Kampfkunst) oder bisai wushu (比赛武术; Wettkampf-Kampfkunst) bezeichnet und haben sich in der Tat in vielen Fällen sehr weit von den traditionellen Formen wegentwickelt.

 
 

Nord- und Südstile

南拳

北腿

Die Unterscheidung in Nord- und Südstile wird meist geographisch vorgenommen. Es gibt aber durchaus auch Unterschiede im Trainingsaufbau, in der Körpermechanik und im taktischen Vorgehen, die die Nord- und Südstile jeweils verbinden.

Den Nordsystemen wird nachgesagt, eher weite, offene Stellung, Schläge und Tritte auf Distanz und eine dynamische Beinarbeit zu bevorzugen. Viele der nördlichen Stile werden daher auch als changquan (长拳, langes Boxen) bezeichnet.

 

Typisch für Südsysteme sind enge, verwrungene Stellungen, ein Fokus auf Stabilität und eine Taktik, die auf harten Schlägen und Blocks mit den Armen basiert. Viele südliche Stile sind durch gemeinsame Formen geprägt, beispielsweise die sehr verbreitete Form sanzheng/sanzhan (三正/三战). Diese Form findet man auch in diversen modernen Karate-Stilen.

Natürlich gibt es für beides Ausnahmen. Die Unterscheidung hilft weniger bei einer festen Kategorisierung und dient mehr als Leitgedanke.

Der alte Begriff quanfa lebt allerdings in der Namensgebung chinesischer Kampfkunst-Traditionen weiter. Fast alle der großen Kampfkunstschulen beinhalten das Zeichen quan (拳; Faust). So kennen wir beispielsweise in Nordchina:

Tongbeiquan - 通背拳, Durch-den-Rücken-Boxen

Bajiquan - 八极拳, Boxen der Acht Extreme

Hongquan 红拳, Rotes Boxen

Xingyiquan 形意拳, Boxen von Form und Geist

Auch Südchina hat eine Reihe eigener Traditionen hervorgebracht. Unter anderem finden wir dort:

Hongjiaquan/Hunggarkuen - 洪家拳,  Hong-Familien-Boxen

Baihequan - 白鹤拳, Boxen des Weißen Kranichs

Luohanquan - 罗汉拳, Arhat-Boxen

Yongchunquan/Wingchunkuen - 咏春拳, Boxen des Singenden Frühlings

Es gibt ein paar Ausnahmen, wie beispielsweise Baguazhang (八卦掌; Boxen der Acht Trigramme). Die Trainingsmethode bevorzugt die offene Hand, weshalb das Zeichen für quan gewöhnlich durch zhang (掌; offene Hand) ersetzt wird.

Inneres und äußeres Gongfu

Eine weitere Unterscheidung, die oft gemacht wird, ist die der inneren und äußeren Schule der Kampfkunst, oder auf Chinesisch: neijia (内家) und waijia (外家). Die beiden Begriffe sind politisch und ideologisch aufgeladen und schwierig zu definieren. Als Systeme der inneren Schule werden vor allem Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang aufgeführt. Alle anderen Systeme fallen dann, per Definition, in den Bereich der äußeren Kampfkünste.

Innere Kampfkünste werden oft als Übungssysteme beschrieben, die abstrakte Konzepte wie qi (气, Atem oder Energie), jing (精, Essenz) oder shen (神, Geist) kultivieren sollen. Die meisten dieser Konzepte stammen aus dem Daoismus, der chinesischen Medizin, oder Gesundheitsübungen wie daoyin (导引, führen und ziehen) und tuna (吐纳, ein- und ausatmen), haben dort aber teilweise eine ganz andere Bedeutung.

 

Zur Unterscheidung der verschiedenen Kampfkünste reichen diese Begriffe nicht wirklich. Auch Übungssysteme, die offiziell als äußere Kampfkunst gelten, haben diese Begriffe und die dahinter stehenden Konzepte aufgenommen. Die Unterscheidung in innere und äußere Stile ist auch verzerrt, weil alle klassischen, internen Systeme nördlichen Ursprungs sind. Südliche Systeme fallen damit aus dem Raster.

Statt über komplette Kampfkunstsysteme spricht man vielleicht besser über bestimmte Qualitäten. Ein Übungssystem der inneren Kampfkunst hat demnach einen stärkeren Fokus auf Körperhaltung und Körpermechanik - es geht also um Körperarbeit und die Optimierung von Biomechanik. Schläge oder Würfe werden nicht irgendwie ausgeführt, sondern auf optimale, biomechanische Prinzipien hin ausgerichtet.

 

Äußere Kampfkunst arbeitet mehr mit kontextuellem Training. Es geht also um die Frage, wann welche Schläge und Würfe taktisch und technisch sinnvoll sind.

 

So betrachtet haben beide Ansätze Vor- und Nachteile. Der äußere Trainingsansatz ist weniger abstrakt und führt schnell zu praktischen Fertigkeiten, die im Kontext von körperlicher Auseinandersetzung relevant sind. Eventuell schleifen sich aber auch ungünstige Gewohnheiten ein, die später aufwendig korrigiert werden müssen. Innere Trainingsmethoden sind insofern gründlicher und arbeiten sofort an einer soliden Basis. 

Es wird aber auch schnell klar, dass ein vollständiges Kampfkunstsystem nur mit beiden Aspekten funktionieren kann.

 

Gesundheit, Wettkampf und Ästhetik

Chinesische Kampfkünste vereinen sehr unterschiedliche Aspekte in einem einzelnen Trainingssystem. Das macht die Trainingssysteme dahinter vielseitig ansprechend und reizvoll - es kann aber auch für Verwirrung sorgen.

 

Die Ursprünge der Kampfkünste liegen weit zurück und vermutlich im militärischen Bereich. Gleichzeitig gab es schon immer eine Verbindung zur darstellenden Kunst. Im chinesischen Ringen (shuaijiao 摔跤) finden wir schon sehr Vorführungen und auch Schaukämpfe, die mit Sicherheit oft choreographiert waren. Von verschiedenen Kaisern wurde berichtet, dass ihre Leibwachen auch die Rolle von Akrobaten und Schaustellern übernahmen, um den Kaiser zu unterhalten. Genau diese Vermischung von Ästhetik und kämpferischen Inhalten wurde aber auch von manchen Beobachtern kritisiert - so auch von General Qi Jiguang, der verächtlich von "blumigen Fauststößen und gestickten Tritten" sprach.

Spätestens im Verlauf der letzten Dynastie (die Qing-Dynastie, 1644-1911), vermutlich aber schon früher, kamen auch Elemente der Gesundheitspflege und des Achtsamkeitstrainings in die Kampfkünste. Die Vermischung von kämpferischen, ästhetischen und medizinischen Elementen nahm vermutlich auch zu, weil die Bedeutung von kalten Waffen im Krieg immer mehr abnahm.

Nach dem Ende der Qing-Dynastie gab es Bemühungen um Standardisierung und auch um öffentliche Wettkämpfe nach festen Regeln - die sogenannten Leitai (擂台, Kampfplattformen). Diese Entwicklung wurde durch Kriege unterbrochen und erst in den 60er und 70er Jahre auf Taiwan in größerem Stil wieder aufgegriffen. In der Volksrepublik entstand aus einem ähnlichen Gedanken in den 80er Jahren in Form von Sanda (散打, freies Schlagen/Kämpfen) ein festes Format und Trainingskonzept für Wettkämpfe.

 

Ist die Vermischung dieser Aspekte im Gongfu von Vor- oder Nachteil? Spezialisierung führt schneller zu Expertise, schneidet aber eben auch andere Elemente ab. In der chinesischen Tradition obliegt es jedem Übenden selbst, Schwerpunkte im Training zu setzen. Als Lehrer geben sie dann ihre subjektive Interpretation weiter und prägen die Lernerfahrung mehr als in stärker standardisierten, spezialisierten Systemen wie beispielsweise dem modernen Boxen.

Auch die oft ideologische Unterscheidung zwischen Kampfkunst und Kampfsport ist individuell. Je nachdem, welche Elemente ich betone, passt eher der eine oder der andere Begriff. Kämpferische Qualitäten an den Begrifflichkeiten festmachen - in die eine oder andere Richtung - ist aber mehr Fantasie als Realität.

​内家

外家

 
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